Albuquerque, Stadt ohne Vibes?

Ich kann nicht wirklich benennen, was sich an Albuquerque so merkwürdig anfühlt. Es ist weniger der Fall, dass die Stadt schlechte Vibes abgibt. Viel mehr gibt es hier gar keine Vibes. Und das bestätigen mir die meisten derer, die hier wohnen.

ABQ ist eine riesige Stadt - flächenmäßig. Vergleicht man die größte Stadt New Mexicos zum Beispiel mit Düsseldorf, so liegt sie nach Einwohnern mehr als 50.000 zurück. Das Stadtgebiet ist allerdings mehr als doppelt so groß. Und trotzdem gibt es anscheinend nur eine einzige, ewig lange, ewig gerade Straße, an der ansatzweise etwas los ist - Central. Vierspurig, chronisch verstopft, gesäumt von den Neonlogos der Einzelhandelsketten.

In den 90ern trug ein Teil der Stadt den wenig attraktiven Spitznamen 'war zone', weil dort durchschnittlich sechs Menschen täglich getötet wurden. Die Kriminalitätsrate ist zwar mittlerweile gesunken und die meisten Wunden verheilt. Die Narben aber werden bleiben, ein Gefühl von Sicherheit wird sich in naher Zukunft nicht einstellen, wenn, dann nur im Vergleich zu früher.

Die immer gleiche Pueblo-Architektur wirkt alsbald frustrierend. Alles erscheint schlammfarben, mehrgeschossige Häuser sucht man meistens vergeblich - 'the 505' scheint die einzige US-amerikanische Stadt ohne klar erkennbare Skyline zu sein. In der homogenen Stadt-Masse gibt es kaum etwas Einladendes zu entdecken, ein Café mit Terrasse, eine kleine Fußgängerzone oder eine ansprechende Plaza mit lokalem Gewerbe.

Womöglich ist dafür aber auch kein Platz. Wegen der Straßen, die scheinbar überall verlaufen. Zwei riesige Highways durchqueren ABQ, jeweils in Nord-Süd- beziehungsweise Ost-West-Richtung, zu denen von jeder halbwegs großen Straße auf beiden Seiten Auf- beziehungsweise Abfahrten führen.

Durch die Straßen zerrissen und wegen der eigenwilligen Architektur so weitläufig, kommt man selbst für kleine Besorgungen nicht um das Auto herum. Auch, und das macht es nicht besser, weil in 'Burque der öffentliche Personennahverkehr fast nicht existent ist - die wenigen Busse, die Central auf- und abfahren, gelten als gefährlich und Fortbewegungsmittel für die wohnungslose Population. So fahren nicht mal Studierende der University of New Mexico, die ihr Ticket für die wenigen verfügbaren Öffis umsonst bekommen, damit - was bestimmt nicht dazu beiträgt, die Verkehrsbelastung zu reduzieren und gleichzeitig für noch mehr (!) Straßen sorgt, auf die die Stadt eindeutig verzichten könnte.

Immerhin wurde mir Meth angeboten. Das kann über den Gesamteindruck aber nicht hinwegtäuschen, gerade, da ich dankend ablehnte. Eine merkwürdige Stadt in einer atemberaubend unwirklichen Landschaft gelegen. Eine Landschaft, deren ganz spezieller Reiz für Vieles entschädigt. 

Albuquerque von oben: Vom Fuße der Sandias breitet sich die Stadt in die Wüste New Mexicos aus.

Die Bergkette der Sandias, an deren Ausläufer sich 'Burque schmiegt und die ihren spanischen Namen Wassermelonen wegen ihrer Färbung während der rosa-roten Sonnenuntergänge in New Mexicos Wüste tragen, übertrifft in ihrer natürlichen Schönheit auch die beeindruckenden menschengemachten Skylines wie von New York City oder Chicago. Die Marslandschaft der scheinbar außerirdischen Mesa-Wüste, die mit ihrer schieren Unendlichkeit auch das riesige Albuerque verschlingt, wirkt eine geradezu morbide Anziehung auf die meisten aus, die sich einmal in ihrer Weite verloren. Wie ich.

Und so zieht es auch mich zurück in diese merkwürdige Stadt am Fuße der Berge in der Mitte der Wüste. Weil ich noch nicht genug gesehen habe. Weil es noch so viel mehr zu entdecken gibt, ja, geben muss. Obwohl ich, als ich danach gefragt wurde, meine Einschätzung so formulierte "so spread out, so big and so much space - but still so less going on" - und von allen Locals nur Zustimmung erhielt. 

Aber eben auch, weil es kaum eine Stadt gibt, in der die Proteste gegen Donald Trump so zahlreich und laut sind. Weil New Mexico voraussichtlich mehrheitlich für den von den beiden große Parteien unabhängigen Präsidentschaftskandidaten Gary Johnson stimmen wird. Oder wegen der Santa Fe Brewing Company, die direkt neben der Autobahn in einer kleinen Anlage aus recycelten Schiffscontainern ihr hausgebrautes Bier ausschenken. Wegen Winning's, weil es weltweit nur wenig schrulligere Cafés geben dürfte. Oder wegen des perfekten NM style food, das Flying Star, Frontier und andere servieren. Oder, um nur ein einziges Mal die Balloon Fiesta zu mitzuerleben mit der umwerfenden, farbenprächtigen Mass Ascension. 

Albuquerque mag zwar merkwürdig sein, langweilig, von Straßen zerrissen und wenig einladend. Aber Albuquerque ist eben auch rebellisch, handmade, Duke City, the 505. Und vor allem - das wird dieser Großstadt in der Wüste so schnell keiner nehmen - authentisch.

Und ich schon beinahe sentimental.