Dschungelabenteuer: Amazon Dreams.

Das Abenteuer "Planlos in den Dschungel" neigt sich dem Ende zu und hat bislang ziemlich gut funktioniert.

Das wird mir klar, als ich vom offenen Heck unseres Fährschiffes aus die schier unendliche Gewitterfront bewundere, die mittlerweile hinter uns liegt. Pure Naturgewalt in Form von mächtigen Wolken in allen Schattierungen, die das Grau-Spektrum hergibt. Dazu Blitze, die den ganzen Himmel erhellen. Und dahinter, um das perfekt komponierte Theater zu komplettieren, ein goldener Sonnenuntergang in der grünen Hölle.

Überhaupt bestimmt die Natur in ihrer kaum fassbaren Weite und Vielfalt das Leben in den Amazonas-Gebieten Perus. Viele, wenn nicht die meisten Konversationen mit den Menschen in der comunidad genannten indigenen Community in der Nähe von Pebas, wo wir drei Tage und zwei Nächte verbrachten, drehten sich um la selva, die Wildnis, und el rio, den Fluss und ihre Bewohner und Gewächse.

Ob es in Deutschland auch selva gebe, wurden wir mehrfach gefragt und mussten jedesmal mit traurigem Blick verneinen. Aber Flüsse gebe es ja wohl. "Klar", sagten wir dann, "aber nicht wie den Amazonas." Und das ist eigentlich noch untertrieben.

Verglichen mit dem Amazonas, gerade in der Regenzeit, scheint es fast als Beleidigung, den Rhein als Fluss zu bezeichnen. Während der Rhein vor allem Grenzen markiert, bestimmt der Amazonas allein in Peru das Leben in einem Gebiet, das größer ist, als Deutschland. Für die Menschen wie in der comunidad, die uns so unglaublich freundlich und vorbehaltlos aufnahmen, und für die Tiere, die Faultiere, die Papageien, die Capybaras und Totenkopfäffchen, die grauen und rosa Delfine. Und für das Zusammenspiel der beiden.

Percy, eigentlich Maler, hier in seiner Rolle als unser Dschungelführer.

Zwischen Iquitos und dem peruanisch/kolumbianisch/brasilianischen Drei-Länder-Eck, rund um die Städte Leticia (COL), Tabatinga (BRA) und Santa Rosa (PER), spielt der Tourismus eine untergeordnete Rolle. Dominant ist trotz aller Modernisierung die Interaktion Mensch - Natur. Noch nie habe ich zwei Angler nur mit Stock Nylonschnur, Haken und von den Bäumen fallenden Beeren 18 Fische fangen sehen. Dazu die perfekte Navigation durch das undurchdringliche Labyrinth aus Fluss, überschwemmten Bäumen, Lianen und menschengroßen Mörderbienen-Waben. Gekonnte Imitation von Tierrufen jeglicher Art, die mit Antworten belohnt werden. Perfektionierte Überlebenstechniken.

Auf dem Rückweg von unserem Kanu-Ausflug treffen wir Martin, den gewählten Vize-Präsidenten der Comunidad, in seinem. Er hat zwei Rote Aras erschossen, die Federn werden für den Bau der rituellen Kronen des Churaka und seiner Frau verwendet. Am Vortag hatte Julian nachgefragt, wann die Kronen zum Einsatz kommen: "Wenn die Touristen da sind"...

Percy mit den beiden erschossenen Aras.

Ein paar Mal im Jahr kommt ein Kreuzfahrtschiff der "Hanseatic" vorbei. Und auch wir mögen doch bitte unseren Freunden von unserem Besuch erzählen, bitten uns die (ausschließlich männlichen) Teilnehmer der abendlichen Koka- und Zigarettenrunde. Die Comunidad brauche schließlich das Geld der Touristen.

Und es ist anzunehmen, dass mehr und mehr kommen werden. Die unberührte Natur übt auf viele Menschen, die in industrialisierten Umgebungen sozialisiert wurden, eine immense Faszination aus. Eine Art Sehnsucht nach dem unbekannten Natürlichen. Nach dem Ursprünglichen. Da geht es uns nicht anders.

Deshalb werden mehr kommen. Ob Natur-Luxus in einer der Eco-Lodges, deren Zahlen beständig steigen, Flusskreuzfahrt durch das diverseste Ökosystem des Planeten oder Backpacking-Trip mit Dschungel-Abenteuer - klar ist, dass sich die Region, Mensch, Tier und ihr Zusammenleben verändern werden. Und die Geschichte dieses einzigartigen Kunstwerkes der Natur verheißt nichts Gutes für dessen Zukunft:

Der Kautschukboom brachte das erste Mal Reichtum in die Region. Der Profitgier der Gummi-Barone fielen zehntausende indigene Bewohner des Amazonasgebietes zum Opfer. Und als Kautschuksamen außer Landes geschmuggelt worden waren und der Preis fiel, flohen die Reichen und Reichgewordenen. Mit dem Gold-Boom Mitte des 20. Jahrhunderts kam der Spitzname El Dorado in den Dschungel. Und zehntausende Fremde, die ohne Bewusstsein für und Verbindung mit der Natur diese nachhaltig schädigten. Umweltverschmutzungen, die nur die folgenden Öl- und Holz-Booms zu übertreffen vermochten.

Heute ist das Amazonasgebiet ein teilweise vernarbtes Land mit immer noch offenen Wunden und einer Bevölkerung, die zwischen Geld und Modernisierung auf der einen und Ursprünglichkeit und Nachhaltigkeit auf der anderen Seite gefangen ist. Ob diese Gratwanderung auch im sich gerade anbahnenden Touristen-Boom noch gelingen kann? Das scheint schwer zu glauben.

 

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Disclaimer: (1) Wir haben den Dschungel mittlerweile hinter uns gelassen. Der vorliegende Artikel stammt aus meinem Notizbuch und entstand auf der Fähre. (2) Wenn ich schreibe, dass "wir" mit den Menschen in der Comunidad sprechen, heißt das hauptsächlich Julian. Mein Spanisch ist zwar mittlerweile teilweise existent, aber mit dem Sprechen hapert es noch.