Erasmus-Party in Prag: Das erste und letzte Mal

Für mein Auslandssemester habe ich mir Prag ausgesucht. Das erste Mal über die östliche Bundesgrenze gen Mittel- und Osteuropa. Das erste Mal Leben in einer Millionenstadt. De facto keine Sprach- oder sonstigen Kenntnisse. Glücklicherweise geht es vielen anderen auch so. Die allermeisten von ihnen: Erasmus-Studenten.

Man hört ja viel über Erasmus-Parties: „Da wird doch eh nur gesoffen“, „Hauptsache nicht alleine nach Hause gehen“, dies das. Ich war also vorgewarnt. Und was im Mecca getauften Club in Prags Stadtteil 7 so abging, bestätigte so ziemlich jedes Vorurteil.

Zum Aufwärmen gab es lediglich ein Bier zum Abendessen und zwei weitere danach. Wie sich schnell herausstellen sollte, war das zu wenig. Obwohl ich vorgewarnt war. Um kurz nach zwölf dann mit der ganzen Bande aka meine neuen Mitbewohner auf zum Club, immerhin nur 15 Gehminuten entfernt. Von hier an nimmt das Unheil seinen Lauf.

Sicherheitskontrollen wie bei einem Risikospiel

Die Türsteher begrüßen jeden einzeln mit einem schroffen „Security Control“. Arme seitlich ausstrecken, immerhin nicht die Beine breit machen. Trotzdem könnte die angekündigte Kontrolle mit jedem Fußball-Risikospiel mithalten. Beim ersten Schritt in die Lokalität grüßen von riesigen Flachbildfernsehern Männer ohne Oberteil, die von jeweils zwei „Polizistinnen“ „abgeführt“ werden. Freizügige Uniform, Pilotenbrille, ihr wisst, was ich meine. Ladies Night ist hier also samstags.

An der Kasse gibt es normalen und VIP-Eintritt. 100 oder 450 Kronen (etwa 4 bzw. 18 Eus)? Heute Normaltarif, muss bisschen sparen, kennste, wa. Die musikalische Grundausrichtung lässt sich schon beim Bezahlen erahnen und mich beschleicht das Gefühl, dass ich nicht allzu lange bleiben möchte. Garderobe spare ich mir in weiser Voraussicht.

Dann mal rauf auf die Bretter, die Erasmus-Studenten die Welt bedeuten – der Dancefloor. Mir wird schnell klar: Wenn er schreien könnte, würde er es tun. Laut und voller Schmerzen. Wer auch immer die Location so vergewaltigt hat, braucht dringend ein Berufsverbot. Die Deckenpfeiler und auch sonst so ziemlich alles sind mit Schockdecken eingewickelt, silberne Seite nach außen. Darin spiegeln sich die unzähligen, unfassbar lästigen bunten Lichter, die nicht mal den Bruchteil einer Sekunde zur Ruhe kommen. Ich brauche Alkohol.

Globalisierte Brühe für ein globalisiertes Publikum

An der Bar angekommen, steht der nächste Schock schwarz auf weiß auf der Getränkekarte. Unter der Kategoriepivo/beer stehen lediglich Zlatopramen und Heineken, wobei ersteres mit dem Zusatz N/A für non alcoholicversehen ist. Geil. In der Tschechischen Republik gibt es unzählige Brauereien, die feinsten Stoff herstellen, Pilsner Urquell, Krusovice, Budweiser, um nur mal ein paar der bekannteren zu nennen, aber NEIN, dieser Laden schenkt globalisierte Brühe für ein globalisiertes Publikum aus. Macht schon Sinn. Zwei Heineken, bitte. Schnaps wäre vielleicht die bessere Alternative gewesen. Mit der Flasche bewaffnet geht’s zurück auf die Tanzfläche.

Die „Tanz“fläche. Wieso die Anführungszeichen? Zum einen scheinen es sich die Djs zum Ziel gesetzt zu haben, jegliche Versuche, sich rhythmisch zu bewegen, zu unterbinden. Das gelingt ihnen auch ganz hervorragend. Von Gabba über Electropop bis hin zu „Blow my Whistle“-Schranzremix ist alles dabei, was sich der geneigte Erasmus-Student noch nicht mal in seinen kühnsten Träumen zu wünschen vermag. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, fetzt nicht ein einziger Track länger als 30 Sekunden aus den Boxen. Und die Übergänge verdienen diese Bezeichnung nicht.

Zum anderen hat das Publikum ganz offensichtlich andere Vorstellungen von Tanzen, als ich. Fasziniert beobachte ich ein Pärchen, das sich an einem der Schockdecken-bespannten Deckenpfeiler hemmungslos abgrindet. Hoffentlich haben die beiden mindestens zwei Promille. Aber auch das wäre noch keine Entschuldigung für so ein Verhalten. Währenddessen bildet sich neben mir ein Kreis für einen Jumpstyle-Idioten, der heute Nacht anscheinend zwei Rekorde brechen möchte: Erstens den für „Am meisten Schwitzen in kürzester Zeit“. Seine Chancen stehen nicht schlecht, wenn man sich seine Haare anschaut, die nach frisch geduscht aussehen – das T-Shirt in Achselnähe und sonst überall übrigens auch. Zweitens den für „Beim Tanzen am bescheuertsten aussehen“. Hier bekommt er Konkurrenz von den beiden Pfeiler-Grindern. Aber auch die, die um ihn rumstehen und fasziniert klatschen, während sie nervös von einem Fuß auf den anderen treten, sind noch nicht raus aus der Competition.

Nachhauseweg statt Second Stage

Für alle, die sowieso lieber gucken statt selbst zu tanzen, haben die Veranstalter den Musikverbrechern am DJ-Pult noch zwei leichtbekleidete junge Frauen zur Seite gestellt. Die zappeln zwar, als ob sich gerade ein Anfall anbahnt, ihr Gesichtsausdruck deutet aber auf eine ähnliche Verachtung für die sie begaffenden Menschenaffen hin, wie ich sie im selben Moment auch verspüre. Fleischbeschau auf europäisch-internationalem Niveau. Fett, genau mein Ding. Die Party heißt übrigens „Welcome To PragoJungle“. Kein Witz.

Letzter Ausweg: Second Stage. So kündigt zumindest das Schild mit dem Pfeil nach unten am Anfang der Treppe an. Besagte Stage verdient diese Bezeichnung jedoch absolut nicht. Während aus den Boxen undefinierbare und möglicherweise zum Glück zu leise Musik dudelt, sitzen rummachende, rauchende und trinkende Menschen auf Barhockern. Nichts los. Schade eigentlich, so ein Kellerloch könnte einigen guten Raves ein passendes zu Hause bieten. Nicht im Mecca.

Nochmal hoch, nochmal Heineken. Dann ab nach Hause. Nach circa anderthalb Stunden. Gut, dass meine Mitbewohner genauso denken, wie ich.

Die Menschen, die Location oder die Musik. Ich weiß nicht, was am schlechtesten war. Wahrscheinlich macht es am Ende des Tages bzw. der Nacht dann doch die Kombination. Aber um es mit den Worten von Dragoslav 'Stepi' Stepanovic zu sagen: „Erasmus hat sisch nun mal eigene Gesetze.“ Und wie. Ich weiß jetzt jedenfalls wieder, warum ich Menschen generell eher kritisch gegenüber stehe. Und dass meine erste Erasmus-Party auch die letzte war.