Der Berlin-Effekt.

"Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die anderen sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind", schrieb Kurt Tucholsky über den Menschen. Berlin ist voll von ihnen. Ein Klumpen mit dreieinhalb Millionen Einwohnern, die sich in verschiedenen Unterklumpen zurechnen, die sich diametral entgegen stehen - Ost und West, alt und jung, arm und reich, Ureinwohner und Zugezogene. Ebenfalls zwölf Millionen Touristen im Jahr, der größte Klumpen, dazu noch Geschäftsreisende, Drifter und einige andere, weniger wichtige Klumpen. Und alle haben etwas gegen alle. Warum eigentlich?

Einwohner hassen andere Einwohner, weil die einen schon länger hier wohnen und die anderen ihre Stadt kaputt machen. Die anderen wollen eine saubere, sichere, ruhige Stadt und mögen die einen nicht, weil diese rebellisch dagegen stehen. Beide, die einen und die anderen, können Touristen nicht leiden. Entweder, weil sie laut sind und Dreck machen, oder weil sie die Gentrifizierung beschleunigen und Kieze tourrorisieren. Außerdem hassen die einen auch die Polizei.

Drifter können weder Touristen noch Anwohner leiden, weil sie sich nicht in Ruhe betrinken können. Und mancher Anwohner stört sich an ihnen im Stadtbild. Auch einige Touristen könnten auf sie verzichten, wenn sie Sonntag mittags über den Flohmarkt am Boxhagener Platz schlendern und hinter den Ständen die eine oder andere Flasche fliegt.

Aber eigentlich ist es ihnen egal, sie kommen ja trotzdem. Das gehört ja auch irgendwie zur nostalgisch-verklärten Arm-aber-sexy-Romantik dazu, die so viele hier her zieht. Was ist schon mehr sexy, als ein Matratzen-Zelt-Wodkaflaschen-Lager, das auf dem Annemirl-Bauer-Platz am Ostkreuz die Besucher des ach-so-hippen und echt-voll-alternativen Friedrichshain begrüßt.

Das alles ergibt eine spannende Dynamik, die ich den Berlin-Effekt nennen möchte. So wie Gewalt Gegengewalt erzeugt, erzeugt Hass Gegenhass. Wenn die einen die anderen hassen, haben die anderen noch einen Grund, um die einen zu hassen. Und in Berlin wird schon lange gehasst. Erst recht seit dem Aufstieg der Stadt zur europäischen und Weltmetropole. Lange genug jedenfalls, dass über die vergangene Zeit die alten Gründe und Argumente des Hasses verblassen; Anwohner verlassen die Stadt, neue ziehen zu. Die Touristen bleiben sowieso nicht die selben (wobei das eigentlich egal ist, denn sie kommen ja trotzdem).

Was bleibt, ist ein verselbstständigter selbstverständlicher Hass. Wen man hasst, kommt nur noch darauf an, mit welchem fiktiven Klumpen man sich identifiziert. Oder, man hasst einfach alle. Gerade junge Menschen, die nach Berlin ziehen (also fast alle), kommen voller Vorfreude auf die Internationalität, die Individualität und Kreativität in die Stadt - und schimpfen nach wenigen Wochen über die Touristen aus aller Welt, die "ihren" Kiez zumüllen, verurteilen "Pseudo-Hipster", wegen denen sie angeblich an der Tür vom Berghain abgewiesen wurden oder "die ganzen Penner überall" und regen sich zu guter Letzt über alle auf, die später nach Berlin ziehen, als sie. Nach mir die Sintflut. 

Dabei merken viele gar nicht, wie diese Stadt, auf die sie sich so gefreut haben, sie macht: voller Hass. Ohne ihn kommt man aber auch nicht aus, denn es gibt nichts identitätsstiftenderes als den Hass. In Berlin sind alle individuell. Sie arbeiten in Kreativagenturen und Medienproduktionsbüros, trinken Soja-Latte, wählen aus Protest die Grünen und - sind absolut nichtssagend und wie alle anderen.

Wo Kreativität zur breiten Masse wird, wo Besonderheit alltäglich ist, wo Interesse zur Farce verkommen ist und Talente nichts mehr bedeuten, weil alle sie haben - kurz gesagt: im Individualitätsmoloch namens Berlin - da ist Hass unausweichlich. Wenn du nicht mehr weißt, wer du eigentlich bist, ist es leicht, zu hassen, vorgelebten Hass zu reproduzieren.

Die alten Konfliktlinien sind großteils aufgebrochen und verschwommen. Nur einige wenige tragen sie auch nach der Wiedervereinigung, der unaufhaltsamen Gentrifizierung und der Globalisierung der Stadt in sich. Gelebt werden sie aber scheinbar von allen - irgendwie muss man sich ja irgendwo positionieren. 

Wo Identität verloren geht, muss eine künstliche Geschaffen werden - für diesen Fall gibt es auch die nationale Identität. Und die kommunale Identität Berlins ist der Hass, dem man sich schon eine Woche nach dem Umzug nicht mehr entziehen kann. 

Und so hasst der eine Klumpen weiter den anderen Klumpen, weil er der andere ist, und den eigenen Klumpen, weil er der eigene ist. Solange, bis wir wieder Mauern bauen. Elaborierte Gründe, um zu hassen, brauchen wir schon lange nicht mehr. Wir hassen um des Hasses Willen. Und für uns. Dafür hassen wir uns dann selber.